Positionen

Agrarwirtschaft - unser aller Sache

Agrarkonzept der PDS

erarbeitet von der AG Agrarpolitik und ländlicher Raum, bestätigt vom Parteivorstand am 19. August 2002



Ländlichen Räumen mit ihrer Agrarwirtschaft kommt bei der sozialen und ökologischen Umgestaltung herausragende Bedeutung zu

Die Agrarwirtschaft in der BRD gewährleistet die Ernährung auf hohem Niveau und erhält die Kulturlandschaften. Sie war und ist in den Dörfern die wichtigste ökonomische und soziale Stütze. Trotz Fördermaßnahmen und Ausgleichszahlungen ringen die meisten Bauern um ihre Existenz; unablässig werden Wirtschaften aufgegeben.

Die deutsche Agrarwirtschaft erbringt ihre Erzeugnisse und Leistungen nach den hohen EU- und teils höheren nationalen Standards. Dennoch ereilten sie mehrere ernste Krisen, die das Vertrauen vieler Verbraucher nachhaltig erschüttert haben.

Künftig geht es darum,

  • sich noch stärker den Verbraucherinteressen zuzuwenden,
  • keinerlei Abstriche bei der Lebensmittelsicherheit zuzulassen und hohe Erzeugnisqualitäten zu sichern,
  • die vorhandenen Grundlagen und Ansätze zu ökologischer Erzeugung entschieden auszubauen und zu verstärken,
  • die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und zu verbessern,
  • den sehr vielfältigen Eigentums- und Unternehmensformen, darunter besonders den Genossenschaften, Entwicklungsmöglichkeiten einzuräumen.

Auch künftig prägt die Agrarwirtschaft mit der Landwirtschaft, der Forstwirtschaft, dem Garten-, Obst- und Weinbau, der Fischwirtschaft, der Landschaftspflege, mit Bereichen der Wasserwirtschaft und auch des Ernährungsgewerbes sowie -handels die ländlichen Räume. Ihre Stabilität und Multifunktionalität bilden die Grundlage für die Zukunft des Dorfes. Die Arbeit der in der Agrarwirtschaft Tätigen, vor allem der Bäuerinnen und Bauern, bedarf dringend einer höheren gesellschaftlichen, insbesondere auch ökonomischen Anerkennung als bisher. Es ist an der Zeit, darüber nachzudenken, in welchem Maße die Stadt künftig im gesamtgesellschaftlichen Interesse mehr Leistungen zur Unterstützung der ländlichen Räume erbringen kann.


Agrarwirtschaft geht jeden an - unser aller Sache

In den ländlichen Räumen der BRD lebt auf vier Fünfteln des Gesamtterritoriums ein Drittel der Bevölkerung. Weit mehr als ein Zehntel der in der Volkswirtschaft Beschäftigten ist in der Agrarwirtschaft sowie deren vor- und nachgelagerten Bereichen tätig.

Hier wird mit der Agrarwirtschaft der entscheidende Beitrag zur Befriedigung des Grundbedürfnisses nach ausreichender gesunder Ernährung geleistet. Hier wird der entscheidende Teil der natürlichen Nationalreichtümer in der BRD geschützt und vermehrt, werden lebensnotwendige Naturressourcen wie Boden, Wasser, Luft, Artenvielfalt sowie die Kulturlandschaft reproduziert. Darüber hinaus werden nachwachsende Rohstoffe erzeugt. Immer mehr Menschen suchen ländliche Regionen - vor allem in der Nähe ihrer Wohnorte - auf, um sich zu erholen. Aus all dem folgt auch ein sehr wichtiger Beitrag zur Gesunderhaltung der Menschen.

Unersetzlich sind die reichen Traditionen und Erfahrungen großer Teile der Landbevölkerung im Umgang mit der Natur und in der Pflege kultureller Werte.

Es liegt im Interesse der gesamten Gesellschaft, insbesondere der ländlichen Bevölkerung, das Land überall als lebendigen Sozialraum zu erhalten. Die PDS tritt für die eigenständige und nachhaltige Entwicklung jeder Region ein.

Leben und Arbeit in den ländlichen Räumen erfordern die Einheit von ökonomischer, ökologischer und sozialer Entwicklung. Deshalb setzt sich die PDS für eine integrierte ländliche Entwicklungspolitik ein. Bei zunehmender Einordnung in den europäischen Rahmen müssen künftig solche Politikfelder wie Agrarpolitik, Wirtschafts- und Finanzpolitik, Umweltpolitik, Beschäftigungs- und Sozialpolitik, Bildungspolitik, Wissenschafts-, Kultur- und Gesundheitspolitik u.a.m. weitaus enger zusammenwirken. Es sind größere, dem differenzierten Entwicklungsstand entsprechende Anstrengungen nötig, um in den ländlichen Räumen, die von zunehmender Entleerung bedroht sind, vielfältiges Gewerbe mit mehr Beschäftigungsmöglichkeiten anzusiedeln. Die bedeutenden ökologischen Potenziale müssen wirksamer erschlossen, die kulturellen Angebote erweitert und naturverträgliches Wohnen ermöglicht werden. So entwickelt sich auch eine größere Anziehungskraft für die Jugend. Wir unterstützen deshalb die Mobilisierung von lokalen und regionalen Potenzialen, unter anderem durch die Arbeit mit der lokalen Agenda 21.

Auf lange Sicht wird auch infolge der Entwicklung der Welternährungssituation, weltweit zunehmender ökologischer Probleme, voraussichtlicher Klimaänderungen und der erforderlichen Substitution fossiler Rohstoffe das Gewicht der ländlichen Räume und der Agrarwirtschaft in der BRD wachsen.


Deutsche und europäische Agrarpolitik stehen in hoher internationaler Verantwortung

Soziale Gerechtigkeit weltweit! Diese Forderung der PDS bestimmt auch die Grundrichtung ihrer Agrarpolitik.

Hunger auf der einen, Luxuskonsum und Verschwendung auf der anderen Seite sind in erster Linie das Ergebnis einer Globalisierung, die durch die von Profitinteressen bestimmte Liberalisierung vorangetrieben wird. Obwohl die Agrarproduktion weltweit ständig steigt, verhindern die infolge einer zutiefst ungerechten Weltwirtschaftsordnung besonders in den Entwicklungsländern vorhandene Armut und Unterentwicklung, dass alle Menschen Zugang zu ausreichend Nahrung und zu gesundem Trinkwasser haben. Dass Tag für Tag Menschen, insbesondere Kinder, verhungern und seit Jahren 800 Millionen Hunger leiden, ist ein Skandal.

Gleichzeitig deformiert ungehemmtes Profitstreben die Agrarproduktion selbst durch

  • Raubbau an wichtigen Ressourcen, insbesondere am Boden,
  • Zerstörung traditioneller Märkte und Produktionsweisen,
  • Verschlechterung der sozialen Lage der Bauernschaft,
  • unkontrollierbare Manipulationen von Lebensmitteln.

Wir betrachten die zunehmende internationale Verflechtung der nationalen Volkswirtschaften, die auch vor der Agrarwirtschaft nicht Halt macht, als objektiven Prozess der Produktivkraftentwicklung. Um so mehr halten wir es für notwendig, diesen Prozess nicht einfach den Marktkräften zu überlassen, sondern die Globalisierung politisch zu gestalten. Nur so ist es möglich, ökonomische, ökologische und soziale Ziele gleichberechtigt, im Sinne von Fortschritt und Wohlfahrt für alle Menschen dieser Welt zu verwirklichen. Deshalb lehnen wir die weitere Liberalisierung ohne gleichzeitige wirksame Schutzmaßnahmen für Umwelt, Gesundheit, soziale und kulturelle Strukturen ab. Der Hunger kann nicht mit neoliberalen Konzepten bekämpft werden.

Kampf gegen den Hunger erfordert die Bereitschaft der entwickelten Industrienationen zu einer grundlegenden Korrektur ihrer Politik: Schuldenerlass für die armen Länder, Aufstockung statt Kürzung der Entwicklungshilfe, faire Rohstoffpreise, ausgeglichene Handelsbilanzen, Unterstützung von Agrarreformen und differenzierten sozialen Strategien gegen ländliche Armut, Überwindung einseitig technischer Ansätze zur Hungerbekämpfung!

Die PDS setzt sich dafür ein, das auf dem Welternährungsgipfel in Rom 1996 verkündete Recht auf Nahrung als grundlegendes Menschenrecht international verbindlich und einklagbar zu verankern. Es ist das "Recht jeder Nation, die eigenen Möglichkeiten zur Nahrungsgütererzeugung zu entwickeln, die für die Sicherung der Ernährung notwendig sind". Die europäische Agrarpolitik sollte dieses Recht für die europäischen Staaten gegen Tendenzen weiterer neoliberaler Globalisierung verteidigen und gleichzeitig alles unterlassen, was dieses Recht für andere Nationen, insbesondere in der dritten Welt, einschränkt. Das schließt auch die moralische Pflicht der reichen Ländern ein, sich selbst zu ernähren und dafür die eigenen Ressourcen zu nutzen sowie sich an Programmen der armen Länder zur Durchsetzung des Rechts auf Nahrung zu beteiligen.

Die PDS wird deshalb folgende Grundrichtungen in der Agrarpolitik einfordern bzw. unterstützen:

  • Wir wollen keine einseitig auf die Interessen der Industriestaaten ausgerichtete weitere Liberalisierung der Agrarmärkte. Bisher diente die Liberalisierung vorrangig dem Machtzuwachs der führenden Agrarexportländer und verstärkte die Abhängigkeit der Staaten, die auf Importe von Nahrung und landwirtschaftlichen Produktionsmitteln angewiesen sind. Die Aufgabe der Welthandelsorganisation (WTO) darf nicht zuerst das Management der Überschüsse der Industriestaaten, sondern das Management einer weltweiten Nahrungssicherung sein. Uns geht es um die Balance zwischen Globalisierung und Regionalisierung. Hierzu gehört, dass Schutzmaßnahmen und internationale Vereinbarungen über Umwelt- und Sozialstandards - unter Beachtung des Solidarprinzips und der Leistungsfähigkeit - differenziert festgelegt werden.
  • Internationale Regulierungen zum Schutz von Schwächeren sind heute notwendiger denn je, so z.B. zum Agrarhandel mit Entwicklungsländern, um diesen einen deutlich besseren Marktzugang zu ermöglichen. Agrarexporte, die in den Entwicklungsländern nationale Märkte zerstören oder deren Entfaltung behindern, lehnen wir ab.
  • Das europäische Agrarmodell, in dessen Mittelpunkt die Multifunktionalität der Landwirtschaft steht, hat unsere Unterstützung, weil Multifunktionalität unserem Konzept des sozial-ökologischen Umbaus der Gesellschaft entspricht. Unerlässlich ist der Erhalt der Eigenständigkeit der gemeinsamen Agrarpolitik der EU, verbunden mit ihrer Demokratisierung, damit diese zusammen mit besser abgestimmter Sozial-, Steuer- und Umweltpolitik von den Bürgern Europas selbst gestaltet werden kann. Die vergleichsweise hohen europäischen Standards wollen wir erhalten und ausbauen. Wir vertreten einen darauf gerichteten Außenschutz.
  • Grundrichtung der Weiterentwicklung der Gemeinsamen Agrarpolitik sollten die volle Erschließung des europäischen Binnenmarktes mit seinen regionalen Märkten sowie seine sinnvolle Ergänzung durch den Agraraußenhandel mit Drittländern sein.
  • Eine Renationalisierung der Agrarpolitik halten wir weder für realisierbar noch für wünschenswert. Allerdings ist das Subsidiaritätsprinzip unbedingt auszubauen, um Entscheidungen dort zu treffen, wo das am sachkundigsten erfolgen kann; Reglementierungen und Bürokratie müssen eingeschränkt werden. Wichtig ist uns, dass dem Solidarprinzip bei der Finanzierung der Gemeinschaftspolitik insbesondere mit Blick auf die Erweiterung der EU große Aufmerksamkeit geschenkt wird.
  • Die mit der Erweiterung der EU um mittel- und osteuropäische Staaten vorgesehenen längerfristigen Übergangsregelungen, u.a. auf dem Arbeits- und Bodenmarkt, halten wir im Interesse aller europäischen Landwirte für unerlässlich. Wir setzen uns für die gleichberechtigte Einbeziehung der Beitrittsländer in die EU ein und widersetzen uns allen Versuchen, diese als Mitglieder zweiter Klasse zu behandeln. Ihnen sollte insbesondere durch die Modernisierung der vor- und nachgelagerten Bereiche des Agrar-Industrie-Komplexes geholfen werden.
  • Unsere Unterstützung haben alle Schritte, die sowohl innerhalb der EU als auch weltweit zu einer demokratischeren Verfügung und Kontrolle über die für die Agrarproduktion notwendigen Ressourcen führen. Dazu gehören insbesondere die Erweiterung des Zugangs der Landbevölkerung in den Entwicklungsländern zu Boden und Wasser und die Einschränkung der Verfügung multinationaler Konzerne über riesige Ländereien. Wir sind für einen globalen Rahmenvertrag zum Schutz des Bodens. Forschungsergebnisse reicher Länder dürfen nicht mittels Patentierung den Entwicklungsländern vorenthalten werden.

Die Agrarwirtschaft wird weltweit einer der wichtigsten Wachstumsbereiche sein müssen. Wir verstehen dieses notwendige Wachstum vorrangig als Wachstum von Gebrauchswerten und nicht - wie üblich - nur von Wertschöpfung oder gar Profit! Internationale Forschungseinrichtungen schätzen ein, dass bis 2020 der Bedarf allein an Getreide um 40% steigen wird. Die Notwendigkeit eines kontinuierlichen Wachstums der Agrarproduktion ergibt sich objektiv aus

  • dem Wachstum der Weltbevölkerung,
  • der Notwendigkeit, endlich Hunger und Unterernährung ernsthaft zu bekämpfen und in absehbarer Zeit zu überwinden,
  • der steigenden Nachfrage nach tierischen Erzeugnissen in den Schwellenländern,
  • der wachsenden Bedeutung erneuerbarer Rohstoffe und Energien.

Die Erhöhung der Weltagrarproduktion muss bei gleichbleibenden, in einigen Regionen sogar abnehmenden Ressourcen an landwirtschaftlicher Fläche, natürlicher Fruchtbarkeit und Wasser realisiert werden. Das erfordert vor allem die Schaffung solcher gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, die den sicheren und effektiven Einsatz von Wissenschaft und Technik in der Hand aller Bauern ermöglichen.

Die PDS geht davon aus, dass Agrarpolitik auf differenzierte Wachstumsprozesse ausgerichtet sein muss:

  • In den entwickelten Industriestaaten, darunter der BRD, ist ein verhaltenes, umweltschonendes und gesundheitsförderndes Wachstum durch Nutzung der eigenen Ressourcen anzustreben. Weitere Ablösung von Futtermittelimporten, Leistungen für den Erhalt der Kulturlandschaft und wachsende Bereitstellung nachwachsender Rohstoffe und Energien sind Schwerpunkte. In Europa sollten größere Anstrengungen zur Verbesserung der Eigenversorgung mit Eiweißfutter unternommen werden. Für die Landwirtschaft in der BRD werden die Überwindung der regionalen Disproportionen, insbesondere die Benachteiligung der neuen Bundesländer, in der Intensität sowie eine differenzierte ökologisch vertretbare Intensivierung angestrebt.
  • In den Entwicklungs- und Schwellenländern wird das höchste Wachstum der Agrarproduktion erfolgen. Nahrungsgüter sollten, soweit irgend möglich, dort erzeugt werden, wo die zu ernährenden Menschen leben. Gleichzeitig gibt es in diesen Ländern die größten Schwierigkeiten bei der Lösung dieser Aufgabe, z.B. Rückgang der nutzbaren Flächen, Wassermangel, Großgrundbesitz neben landlosen Bauern, Entzug von Flächen für Exportproduktion zu Lasten der Eigenversorgung.
    Ohne durch WTO und Welternährungsorganisation (FAO) gesteuerte Rücksichtnahme und Hilfe durch die reichen Länder als erste Schritte zu einer gerechteren Weltwirtschaftsordnung sind diese Probleme nicht zu lösen. Insbesondere gilt es, die Organisationen des Fair Trade nachhaltig zu unterstützen.

Die PDS sieht es als unumgänglich an, auf dem Agrarsektor die lenkende und kontrollierende Rolle der Politik gegenüber der Wirtschaft zu stärken.


Agrarwirtschaft stärker auf die Bedürfnisse der Verbraucher ausrichten

Die Agrarwirtschaft ist wie kein anderer Volkswirtschaftsbereich über ihre Erzeugnisse und Leistungen eng mit der Lebensweise der gesamten Bevölkerung verbunden. Die Bäuerinnen und Bauern sorgen für ein kontinuierlich hohes Niveau bei der Bereitstellung eines breiten Sortiments an Nahrungsmitteln. Diese soziale Errungenschaft zu erhalten und auszubauen, hat für die PDS hohe Priorität. Die Verbraucher wollen Agrarerzeugnisse, die nicht mit Schadstoffen belastet sind, umweltfreundlich und artgerecht produziert werden und möglichst aus der eigenen Region stammen.

Immer wieder werden aber auch Schwachstellen in der gesamten Lebensmittelkette sichtbar, die das Vertrauen der Verbraucher in die Land- und Ernährungswirtschaft stören. Durch BSE und andere Skandale sind aufgestaute Probleme der letzten Jahre - wenn nicht sogar Jahrzehnte - offen zum Ausbruch gekommen. Wir sind für strengere Konsequenzen gegenüber den Verursachern, aber auch gegen einseitige Schuldzuweisung an die Bauern.

Die PDS tritt dafür ein, dass der vorbeugende gesundheitliche Verbraucherschutz neu organisiert sowie effizienter und sicherer gemacht wird. Er muss Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen haben. Die in der BRD relativ hohe Lebensmittelsicherheit muss weiter ausgebaut werden, insbesondere durch

  • eine ständige Erweiterung der wissenschaftlichen Erkenntnisse auf diesem Gebiet und
  • deren Berücksichtigung bei den Produktions-, Sozial-, Umwelt- und Hygienestandards,
  • die Durchsetzung von verbindlichen Qualitätssicherungssystemen und eine staatliche Produktionskontrolle in allen Stufen der Lebensmittelherstellung,
  • Futtermittelsicherheit, die sich auf eine EU-verbindliche Positivliste stützt und die Anwendung von unzulässigen Leistungsförderern ausschließt,
  • die Kennzeichnung bzw. offene Deklaration aller in die Produktion einfließenden Stoffe und die Anwendung von einheitlichen Gütesiegeln für Nahrungsmittel sowie Aufklärung und Gesundheitserziehung, die Veränderungen in der Ernährungsweise unterstützen.

Die Schaffung einer "gläsernen Produktion" von der Primärstufe bis zur Ladentheke ist ein wichtiges Instrument zur Erhöhung des Vertrauens in die Agrarproduktion. Nur in enger Kooperation der Agrarwirtschaft mit den Verbraucherverbänden und den Bürgern sind eine hohe Produktsicherheit und das Vertrauen zu den Nahrungsmitteln zu erreichen. Dabei hat die Prozesskontrolle in der gesamten Kette der Nahrungsgüterproduktion als Voraussetzung einer hohen Produktqualität eindeutig Vorrang.

Durch Zusammenwirken von Sozial- und Agrarpolitik müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die eine Zweiklassenernährung verhindern und für alle sozialen Schichten eine gesunde Grundversorgung gewährleisten.

Auch bei nachwachsenden Rohstoffen und Energieträgern beginnt sich ein wachsender Bedarf an heimischen Erzeugnissen abzuzeichnen. Hier bedarf es künftig stärker wirksamer Förderprogramme für den Aufbau von Verarbeitungskapazitäten, insbesondere in den neuen Bundesländern.


Umweltgerechte Agrarwirtschaft trägt entscheidend zu nachhaltiger ökologischer Entwicklung bei

Zur nachhaltigen Reproduktion der natürlichen Umwelt und der Kulturlandschaft in Deutschland hat vor allem die Agrarwirtschaft beigetragen, ohne dass diese bedeutenden Leistungen von der Gesellschaft bisher in nennenswertem Maße ökonomisch anerkannt wurden. Insbesondere im letzten Jahrzehnt gelang es, schädigende Auswirkungen der Agrarproduktion einzuschränken. Dennoch bleibt auf dem Wege zu umfassend nachhaltiger Wirtschaftsweise noch viel zu tun.

Europäische und nationale Agrarpolitik müssen künftig noch zielstrebiger die nachhaltige Entwicklung der Agrarwirtschaft fördern. Der PDS geht es hierbei um die dauerhafte Sicherung der Ernährungs- und Rohstoffproduktion, die entschiedene Reduzierung der Umweltbelastungen und den Schutz der vielgestaltigen Naturressourcen, damit Pflanzen, Tieren und Menschen in ihrer gegenseitigen Verkettung über Generationen eine gesunde Entwicklung ermöglicht wird. Insbesondere muss die Bodenfruchtbarkeit erhalten und verbessert werden. Nachhaltigkeit schließt ein, dass ökonomisch stabile Unternehmen die soziale Existenz der in der Agrarwirtschaft Tätigen und ihrer Familien langfristig sichern. Damit wird nachhaltige Agrarwirtschaft mehr und mehr zur entscheidenden Voraussetzung für das Bestehen lebendiger ländlicher Räume.
Dazu gehört, die jeweils spezifischen wirtschaftlichen, ökologischen, sozialen und touristischen Potenziale zu fördern. Für strukturschwache Regionen, vor allem in Nordostdeutschland, halten wir auf ihre Situation zugeschnittene Programme für geboten, um den Teufelskreis von Arbeitslosigkeit und Entleerung ländlicher Räume zu durchbrechen.

Die PDS setzt sich dafür ein, die Agrarwirtschaft gemeinsam mit allen Bauern stärker nach ökologischen Grundsätzen zu gestalten. Nur diejenige Agrarwirtschaft hat eine Zukunft, die Wissenschaft und Technik für eine verbraucherorientierte, umweltschonende, artengerechte, ökonomisch effiziente Produktion im Einklang mit sozialen Erfordernissen nutzt. Dazu ist erforderlich:

  • Die landwirtschaftlichen und forstwirtschaftlichen Nutzflächen zu erhalten und Stilllegungsflächen zunehmend für die Erzeugung hochwertiger Rohstoffe zu nutzen.
  • Einen hohen Anteil integrierter Produktion und ökologischen Landbaus zu sichern. Verbindliche Umweltschutz- und Qualitätsstandards für alle Unternehmen ist der Hauptweg zu einer ökologisch ausgerichteten Agrarwirtschaft. Maßstab sollten dabei die im Rahmen der EU schrittweise zu harmonisierenden Standards sein, die es streng zu kontrollieren gilt. Die Grundsätze und Kriterien für eine "gute fachliche Praxis" sollten den ökologischen Anforderungen entsprechend weiter qualifiziert, auf alle Produktionsbereiche ausgedehnt sowie schrittweise verbindlich und kontrollfähig gestaltet werden.
  • Die natürlichen und ökonomischen Standortbedingungen durch differenzierte Intensität und Produktionsstruktur besser zu nutzen sowie Wissenschaft und Technik für modernste ökologisch wirksame Technologien, artspezifischen maßgerechten Einsatz der Produktionsmittel und standortgerechte Tierhaltungsformen auszunutzen.
  • Die Vermarktung von regionalen Produkten weitaus wirksamer zu unterstützen.
  • Europaweit strengere Regelungen für den Ressourcen-, Arten- und Tierschutz durchzusetzen sowie Ferntransporte von Schlachttieren zu unterbinden.
  • Die Sicherung und Gesundung der Waldbestände, deren ökologischen Umbau und den Biotop-Verbund energischer voranzutreiben sowie der Einrichtung von Flurgehölzen mehr Augenmerk zu schenken. Das kann auch die Umnutzung stillgelegter landwirtschaftlicher Nutzflächen betreffen.
  • Die Speicherung, den Verbrauch und die Qualitätsbeeinflussung von Oberflächen-, Schicht- und Grundwasser messbar zu gestalten sowie ökonomisch zu bewerten.
  • Kulturlandschaftsprogramme sowie Naturschutz, Vertragsnaturschutz und freiwillige Umweltprogramme auszudehnen, komplex zu gestalten und stärker zu verflechten.
  • Neuen Produktionszweigen, die umweltverträglich sind, z.B. dem Anbau und der Verwendung alternativer Rohstoffe und Energieträger, der Aqua-Kultur, der Biogaserzeugung u.ä., mehr Aufmerksamkeit und zielgerichtete Förderung zuzuwenden.

Um ökologische Grundsätze in der Agrarwirtschaft künftig wesentlich stärker zum Tragen zu bringen, muss die ökonomische Bewertung und Vergütung der immensen ökologischen Leistungen endlich schrittweise praktisch umgesetzt werden.


Flächendeckende nachhaltige Agrarwirtschaft entwickelt sich in vielfältigen Betriebsstrukturen und Eigentumsformen

Die Agrarwirtschaft ist durch eine außerordentliche Vielfalt und Zahl von Unternehmen geprägt, die durch den Anschluss der neuen Bundesländer und den Transformationsprozess in der ostdeutschen Landwirtschaft wesentlich bereichert wurden.

Bei den landwirtschaftlichen Unternehmen überwiegt gegenwärtig bäuerliches Eigentum. Das wird auch in Zukunft so sein. Sein wirksamer Schutz ist unerlässlich, denn es ist zunehmendem Druck von Konzernen des Vorleistungsbereiches, der Ernährungsindustrie, des Handels sowie der Banken ausgesetzt. Die Bauernschaft hat sich stark differenziert. Von den in der Landwirtschaft Beschäftigten arbeiten nur noch ca. 60 % in klassischen bäuerlichen Haupterwerbsbetrieben, ca. 20 % sind Nebenerwerbslandwirte und ca. 20 % in Gemeinschaftsunternehmen tätig.

Die Erfahrungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass ökologisch orientierte, sozial verantwortliche nachhaltige Landwirtschaft in allen Eigentumsformen und Betriebsgrößen möglich ist. Politisch-ideologisch motivierte Leitbilder haben ihre Bedeutung weitgehend verloren und sollten nicht wieder errichtet werden. Eine moderne Landwirtschaft, die im Prozess der weiteren Globalisierung wettbewerbsfähig sein muss, erfordert eine Vergrößerung der Produktionseinheiten, vor allem in den alten Bundesländern. Der notwendige Strukturwandel muss aber durch die Bäuerinnen und Bauern selbst gestaltet werden können. Sie dürfen nicht länger dem ungehemmten Wachsen und Weichen schicksalhaft ausgeliefert sein.

Eine Lösung besteht in vielfältigen Formen der Gemeinschaftsarbeit: sowohl zwischen den Landwirtschaftsbetrieben als auch in der vertikalen Linie von Betrieben der Landwirtschaft über die der Verarbeitung der Produkte bis zum Handel, aber auch mit benachbarten Zweigen wie Forst-, Wasser- und Fischwirtschaft.

Bewährte Formen dabei sind Maschinengemeinschaften, gemeinsame Investitionen, gemeinsame Produktion und Vermarktung bestimmter Erzeugnisse usw. Besonders in den neuen Bundesländern sind Mehrfamilienbetriebe, Personengesellschaften, Kapitalgesellschaften und vor allem die Agrargenossenschaften bewährte und erprobte Unternehmensformen. Gemeinschaftsunternehmen wie diese sind trotz ihrer Betriebsgröße keine Agrarfabriken, solange ein ausgewogenes Verhältnis von Pflanzen- und Tierproduktion besteht und sie vielseitige Beschäftigung sichern. Die PDS wendet sich gegen jede Form der Diskriminierung der in den neuen Bundesländern entstandenen Agrarstrukturen.

Als sozialistische Partei unterstützt die PDS die Agrargenossenschaften in besonderer Weise. Sie bereichern die Vielfalt der genossenschaftlichen Bewegung in Europa. Sie schließen demokratische Mitbestimmung sowie wesentliche soziale Vorzüge für ihre Mitglieder ein und sichern die gute bäuerliche Tradition der Identität von Eigentümern und Produzenten.

Der Auf- und Ausbau von Erzeugerverbänden und regionalen Erzeugerketten stärkt die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, fördert den wissenschaftlich-technischen Fortschritt und muss deshalb zielstrebig unterstützt werden. Die Vertragslandwirtschaft ist ein Weg, um die Dominanz der Ernährungsindustrie und insbesondere die Macht der großen Handelsketten zu begrenzen - allerdings nur, wenn es gelingt, sie mit Schritten der Demokratisierung der Wirtschaft zu verbinden.

Die PDS tritt für die wachsende Vielfalt der Produktion im Interesse höherer Wertschöpfung und der Sicherung von Beschäftigung ein und misst dem gegenseitigen Erfahrungsaustausch zwischen den Landwirten in den alten und den neuen Bundesländern große Bedeutung bei.
Das betrifft insbesondere:

  • die Produktion und Vermarktung von regionalen Qualitätsprodukten,
  • den Ausbau des ökologischen Landbaus mit eigener Verarbeitung und Vermarktung, kombiniert mit touristischen und Freizeitzeitangeboten sowie ländlicher Traditions- und Kulturpflege,
  • die Nutzung der wachsenden Möglichkeiten, künftig auch die Massenmärkte mit Erzeugnissen aus nachwachsenden Rohstoffen zu bedienen, etwa mit biologisch abbaubaren Schmierstoffen, Faserverbundwerkstoffen, abbaubaren Verpackungen, ökologischen Baustoffen,
  • die Produktion und den Einsatz erneuerbarer Energien wie Biodiesel aus Raps und Biogas aus Biomasse bis hin zur energetischen Nutzung des beträchtlichen ungenutzten Holzpotenzials der Wälder.
Hierfür bedarf es sowohl unternehmerischer als auch kommunaler und regionaler Initiativen, Partner in Wissenschaft, Industrie und Handel sowie einer gezielten Förderung. Die in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands bestehende großbetriebliche Agrarstruktur bietet dafür günstige Voraussetzungen. Sie müssen in Verbindung mit einer gezielten Ansiedlungspolitik für Industrie und Gewerbe genutzt werden.

Die Landwirtschaftsbetriebe in Ost und West müssen sich den abzeichnenden ernsten Problemen des Generationswechsels stellen und diese mit gesellschaftlicher Unterstützung einer Lösung zuführen.
Das erfordert:

  • Aus- und Weiterbildung für das Management moderner und leistungsstarker Agrarbetriebe,
  • gesellschaftliche Motivation für die Weiterführung existenzfähiger Betriebe,
  • Programme zur Förderung des Berufsnachwuchses.


Bodeneigentum und Bodenbewirtschaftung stehen in hoher gesellschaftlicher Verantwortung

Der Boden gehört zu den kollektiven Gütern der Menschheit. Er ist als Naturressource zusammen mit der menschlichen Arbeit eine der Quellen des gesellschaftlichen Reichtums, die insbesondere in land- und forstwirtschaftlichen Reproduktionsprozessen erschlossen wird. In der BRD werden ca. 17 Millionen Hektar Fläche landwirtschaftlich genutzt. Dieser Bodenfonds repräsentiert einen Wert von mehr als 150 Milliarden EURO. Rund 11 Millionen Hektar sind Waldflächen mit ihrer außerordentlichen ökologischen Bedeutung.
Die PDS wendet sich gegen den wachsenden Entzug land- und forstwirtschaftlicher Flächen.

Wir gehen davon aus, dass - unabhängig vom jeweiligen Eigentum - die gesamtgesellschaftlichen Interessen an der Reproduktion des Bodens und seiner Nutzung Vorrang gegenüber Einzelinteressen haben und zwischen beiden eine möglichst breite Übereinstimmung erzielt werden sollte.

Die Eigentumsverhältnisse haben in Deutschland eine lange widersprüchliche Geschichte. Die PDS respektiert die historische Tatsache des bäuerlichen Eigentums am Boden. Sie sieht in diesem Eigentum Triebkräfte für ökologisch und sozial verantwortungsbewusstes Handeln. Sie verteidigt das im Ergebnis der Bodenreform entstandene Privateigentum.

Gemeinnützigkeit und Sozialpflichtigkeit des Eigentums sind im Grundgesetz der Bundesrepublik verankert. Damit diese Prinzipien bezüglich des Bodeneigentums verwirklicht werden können und die Betriebe die notwendige Sicherheit hinsichtlich der langfristigen Nutzung des Bodens erhalten, ist es notwendig,

  • das bäuerliche Eigentum vor kalter Enteignung durch wachsende Verschuldung zu schützen,
  • grundsätzlich ein Vorkaufsrecht des Staates beim Bodenverkauf gesetzlich zu sichern,
  • gemeinsam mit den Landwirten das Bundesbodengesetz zum Schutz des Bodens und seiner Fruchtbarkeit zu verwirklichen,
  • ökonomische, juristische und andere Bedingungen zu schaffen, die den Bauern nachhaltiges Wirtschaften ermöglichen,
  • Boden unterschiedlichen Eigentums durch Gemeinschaftsunternehmen effektiv und sozial verantwortlich zu nutzen.

Die PDS setzt sich für die Beibehaltung und die nachhaltige Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Bodeneigentums ein. Die Privatisierung des im Eigentum des Bundes befindlichen Bodens durch Verkauf hält sie für überwiegend kontraproduktiv, denn sie verunsichert die gegenwärtigen Pächter hinsichtlich langfristiger Investitionen und bindet Kapital, das im laufenden landwirtschaftlichen Reproduktionsprozess dringend benötigt wird und effektiver eingesetzt werden könnte.

Wir fordern:

  • Die Rechte und Sicherheit der Bodennutzer weiter auszugestalten, um eine langfristige fruchtbarkeitssteigernde Bewirtschaftung zu sichern.
  • Kostenlose Übergabe von Boden des Bundes an die Länder, eventuell auch an Kommunen, und dessen langfristige Verpachtung an die Nutzer. Damit könnten die Landes- und kommunalen Haushalte gestärkt und Regionalpolitik handlungsfähiger gemacht werden. Das käme insbesondere den strukturschwachen Regionen im Nordosten der Bundesrepublik zugute.
  • Verkauf von staatlichem Boden ausschließlich an gegenwärtige und künftige Nutzer, um Spekulationen mit Boden als reine Kapitalanlage weitgehend auszuschließen.
  • Unterstützung kapitalschwacher ortsansässiger Unternehmen beim Bodenkauf durch Landesbürgschaften.
  • Bestellung von Erbbaurechten als gleichwertige Form der Privatisierung.

Durch den Erhalt eines öffentlich-rechtlichen Sektors kann im Interesse sozialer und ökologischer Entwicklung in den Regionen politischer Einfluss auf Landpacht und Grundstücksverkehr genommen werden.

Angesichts des hohen und weiter wachsenden Anteils von Pachtflächen ist die Politik gefordert, Maßnahmen zur Begrenzung der Pachtzinsen zu ergreifen. Das Abfließen von Wertschöpfung der aktiven Landwirte aus dem landwirtschaftlichen Reproduktionsprozess in überwiegend nichtproduktive Sphären - gegenwärtig etwa 1,5 Milliarden Euro allein für Pacht - muss eingedämmt werden.

Die PDS ist gegen die großflächige Privatisierung der in öffentlicher Hand befindlichen Waldbestände. In Naturschutzgebieten sind Privatisierungen von Wald, Gewässern, Mooren und Flußauen auszuschließen. Wir unterstützen die agrarstrukturelle Modernisierung, z.B. Flächenzusammenlegung und freiwilligen Landtausch.


Wettbewerbsfähigkeit und Multifunktionalität der Landwirtschaft finanziell fördern

Die Liberalisierung des europäischen Marktes und das Erzeugerpreisdumping auf dem Weltmarkt haben dazu geführt, dass der Wertschöpfungsanteil in den Erzeugerpreisen immer weniger widergespiegelt wird und sich die Preisschere zwischen sinkenden landwirtschaftlichen Erzeugerpreisen und steigenden Betriebsmittelpreisen ständig weiter öffnet. Über den sehr moderaten Anstieg der Nahrungsgüterpreise im Vergleich zu anderen Lebenshaltungskosten wirkt die Landwirtschaft in der BRD und anderen EU-Ländern als wichtigste Inflationsbremse. Unter diesen Bedingungen können die europäischen Landwirte das für die Weiterexistenz gesunder Betriebe notwendige Einkommen einschließlich einer angemessenen Entlohnung ihrer Arbeit nur etwa zur Hälfte aus dem Verkauf ihrer Produkte realisieren. Wie in vielen Ländern der Erde wird deshalb auch in der EU die landwirtschaftliche Produktion mit öffentlichen Mitteln gestützt. Die EU liegt mit ihrem Stützungsniveau im Mittelfeld aller OECD-Staaten.

Die Ergebnisse des 1992 eingeschlagenen und mit der Agenda 2000 fortgesetzten Kurses der EU-Agrarpolitik zur Liberalisierung der Landwirtschaft sind widersprüchlich. Einerseits wurden die Überschussproduktion drastisch reduziert, der Protektionismus abgebaut, die Wettbewerbsfähigkeit verbessert und die landwirtschaftlichen Durchschnittseinkommen angehoben. Andererseits beschleunigte der Wettbewerbsdruck infolge sinkender Preise Arbeitsplatzabbau, Strukturwandel und die wirtschaftliche und soziale Differenzierung sowie die Entkoppelung von Ackerbau und Viehhaltung. Dies ging einher mit der Auflösung betrieblicher Nährstoffkreisläufe und zunehmender Verarmung von Fruchtfolgen. Den Interessen der Verbraucher und den wachsenden Erwartungen an den Schutz der Umwelt und Tiere wurde noch nicht ausreichend entsprochen.

Aus diesen Gründen hält die PDS die weitere Reformierung der Agrarpolitik zur Stärkung der Verbraucherorientierung und Wettbewerbsfähigkeit der Agrarbetriebe sowie die Sicherung der Multifunktionalität der Landwirtschaft und ländlichen Räume für unabdingbar. Da die mit der Multifunktionalität verbundenen Aufwendungen weder in den Erzeugerpreisen enthalten sind noch gesondert vergütet werden, bedarf es weiterhin umfangreicher öffentlicher Agrarmittel. Ohne öffentliche Mittel wäre die Existenz der Landwirte unter Weltmarktpreisbedingungen nicht möglich. Trotz eines insgesamt positiven Trends der Einkommensentwicklung besteht noch immer ein erheblicher Rückstand der Landwirte zum Einkommen vergleichbarer Erwerbstätiger. Auch jene unentbehrlichen Leistungen zur Bewahrung der Kulturlandschaft und Schonung der natürlichen Ressourcen, für die es keinen Markt gibt, sind nicht sichergestellt.

Eine grundsätzliche Neuorientierung der europäischen Agrarpolitik bei der Halbzeitbewertung der Agenda 2000 lehnen wir ab. Für die Betriebe muss Planungssicherheit gewährleistet bleiben. Wichtig ist, dass mit der Halbzeitbewertung die Hauptrichtungen der Agrarpolitik nach 2006 vorbereitet werden.

Die PDS tritt für solche Reformvorhaben ein:

  • die konsequente Ausrichtung der künftigen Agrarförderung an den Zielen Erzeugung von Qualitätsprodukten, Beschäftigung und Umweltschutz,
  • die Umwandlung des derzeit produktgebundenen Prämiensystems in ein flächenbezogenes System, das auch ein ausgewogenes Verhältnis von Tier- und Pflanzenproduktion sichert, gegebenenfalls über Zwischenschritte wie die Einführung einer Futterbauprämie,
  • die schrittweise Ablösung der derzeitigen Quotensysteme mit Übergangsregelungen,
  • die Verlagerung von EU-Mitteln aus der Markt- und Preispolitik in die ländliche Entwicklungspolitik im Rahmen einer behutsamen obligatorischen Modulation und Einsatz der umgeschichteten Mittel in der jeweilige Region,
  • die stärkere standortspezifische Förderung von benachteiligten Gebieten.

Alle Förder- und Ausgleichsmaßnahmen sind grundsätzlich strukturneutral zu gestalten. Eine Benachteiligung von Gemeinschaftsunternehmen, z.B. durch Obergrenzen, ist weder sozial noch ökonomisch gerechtfertigt, sondern hemmt die Entwicklung wettbewerbsfähiger Strukturen und wäre ein Schlag gegen die Landwirtschaft der neuen Bundesländer.

Das Schrittmaß der Veränderungen muss unter Beachtung der durchschnittlichen Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaftsbetriebe und nicht zu deren Lasten bestimmt werden. Dieser Prozess ist auch künftig durch Maßnahmen für die technische und soziale Infrastruktur der ländlichen Räume zu flankieren.

Da die Umverteilung und schrittweise Rückführung der Ausgleichszahlungen für die Bauern der 15 EU-Staaten sozialverträglich und somit nur langsam erfolgen kann, ist es unumgänglich, im Zusammenhang mit der Erweiterung der EU die Agrarfonds aufzustocken. Die Bauern der Beitrittsländer haben das Recht, die finanziellen Mittel im gleichen Maße in Anspruch zu nehmen.

Flächendeckende Landbewirtschaftung nach dem europäischen Landwirtschaftsmodell sowie hohe Transparenz der Nahrungsgüterproduktion im Interesse der Verbraucher erfordern eine weitgehend regionale Orientierung der Agrarproduktion. Durch Förderung der Verarbeitung und Vermarktung regionaler Produkte einschließlich der Direktvermarktung sollten die gesellschaftlichen Vorteile regionaler Wirtschaftskreisläufe - Vermeidung von Transporten, Identifikation der Verbraucher mit dem Produkt u.a. - besser erschlossen werden. Gleichzeitig dürfen aber agrarisch geprägte Regionen nicht auf die Selbstversorgung beschränkt werden. Neuinvestitionen zur Verarbeitung sollten nur bei Standortnähe zur Primärproduktion gefördert werden.

Das Marketing regionaler Erzeugnisse und Leistungen, insbesondere durch Erzeugerverbände u.ä., muss finanziell mehr unterstützt werden, während Ferntransporte zu verteuern sind.

Die PDS setzt sich für Steuergerechtigkeit, eine Verstärkung der ökologischen Wirkung und eine EU-weite Harmonisierung der Steuergesetzgebung, aber auch anderer wettbewerbsrelevanter Rahmenbedingungen, insbesondere auf den Gebieten der Düngung, des Pflanzenschutzes und der Investitionsförderung, ein.

Wir fordern, dass Leistungen für die Erhaltung und für die erweiterte Reproduktion von Naturgütern sowie der Kulturlandschaft schrittweise messbar gemacht und finanziell honoriert werden. Die Anwendung ökologischer Verfahren, die Erzeugung und Nutzung alternativer Rohstoffe und die Energieerzeugung müssen künftig noch zielstrebiger unterstützt werden. Die gesamte Finanzpolitik gegenüber dem Agrarbereich sollte weitaus transparenter, unbürokratischer und für die Betroffenen in ihren Wirkungen berechenbarer gestaltet werden.


Wissenschaft und Technik noch wirksamer machen

Die PDS geht davon aus, dass Deutschland eine effizientere Agrarforschung und -bildung für die Realisierung der in diesem Agrarkonzept enthaltenen Zielstellungen braucht. Das erfordert die Förderung aller relevanten Fachdisziplinen der naturwissenschaftlich-technischen, technologischen sowie wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Forschung und die effektive Überleitung ihrer Ergebnisse in die Praxis.

Dazu fordern wir von der Wissenschaftspolitik im Agrarbereich, die Rahmenbedingungen zu verbessern, um

  • die Forschung auf die zukunftsentscheidenden Lösungen für eine nachhaltige Ressourcennutzung im Gesamtsystem der Erzeugung von qualitativ hochwertigen, gesundheitsfördernden Lebensmitteln, nachwachsenden Rohstoffen sowie Energiepflanzen zu konzentrieren und die Wettbewerbsfähigkeit der landwirtschaftlichen Unternehmen sowie den sozialökonomischen Umbau unter Beachtung der unterschiedlichen Standorte zu unterstützen;
  • im Rahmen der wachsenden internationalen Verflechtungen stärker als bisher Beiträge zur nachhaltigen Lösung der anstehenden Welternährungsprobleme und insbesondere der Ressourcenproblematik, vor allem der landwirtschaftlichen und forstlichen Nutzflächen sowie des Wassers, zu leisten;
  • die Agrarforschung konsequent auf die künftigen Anforderungen auszurichten und in Übereinstimmung damit insbesondere die personellen Forschungskapazitäten langfristig zu profilieren. Die Spezifik der agrarischen Produktion, die in einer Vielzahl bäuerlicher Unternehmen erfolgt, erfordert auch künftig einen leistungsfähigen und noch effizienteren öffentlichen Forschungssektor. Die in der BRD um sich greifende Marginalisierung der Agrarwissenschaften sowie die radikale Einschränkung insbesondere der öffentlichen Forschung im Agrarbereich müssen aufgehalten werden. Das schließt ein, eine ausgewogene regionale Verteilung der Forschungspotenziale zu gewährleisten und dabei die reduzierten Kapazitäten in den neuen Bundesländern wieder zu erweitern;
  • die organisatorischen Schwachstellen bei der effektiven Gestaltung der Struktur und Koordinierung der Agrarforschung, die sich aus der unterschiedlichen administrativen Zuordnung der universitären sowie der außeruniversitären öffentlichen Forschungseinrichtungen zu verschiedenen Bundes- bzw. Länderbehörden, aber auch deren Beziehungen zur privaten Forschung ergeben, Schritt für Schritt abzubauen. Das ist eine wichtige Voraussetzung für die Entfaltung der disziplinären und interdisziplinären Gemeinschaftsarbeit in der Agrarforschung, der Entwicklung von Kompetenznetzwerken sowie auch für die engere Verzahnung agrarwissenschaftlicher Disziplinen mit angrenzenden Forschungen unter Nutzung der modernen Kommunikation, um ihre Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Forschungsraum zu erhöhen;
  • allen Stufen der Ausbildung - von den Berufsschulen bis zu Hochschulen und Universitäten - weitsichtiger als bisher Perspektiven einzuräumen und ein hohes Niveau der Lehre zu gewährleisten;
  • die öffentliche Akzeptanz der Agrarforschung und -lehre zu verbessern.

Für die Sicherung einer hocheffektiven Produktion landwirtschaftlicher und gärtnerischer Erzeugnisse bei gleichzeitiger Gewährleistung eines vorsorgenden Verbraucher-, Gesundheits- und Umweltschutzes tragen die in der Agrarforschung Tätigen in enger Kooperation mit denen in bestimmten Zweigen der Grundlagenforschung eine hohe Verantwortung. Wir treten für eine umfassende Nutzung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts ein, wodurch die Agrarwirtschaft immer mehr zu einem Bereich der angewandten Wissenschaft wird.

Unabhängig von diesem generellen Herangehen betont die PDS ihre kritische Distanz zu dem technisch Machbaren, wenn dieses unübersehbare Risiken für Natur und Mensch in sich birgt. So bedarf jeder Schritt in der Nutzbarmachung der Gentechnologie strikter, gesetzlich gesicherter Kontrolle, öffentlicher Aufklärung und Kennzeichnung sowie eines angemessenen Schutzniveaus für die potenziell Betroffenen und nicht zuletzt hoher außerparlamentarischer Aufmerksamkeit. Der Stand der Forschung zur grünen Gentechnik lässt die Risiken für die Umwelt und Gesundheit noch nicht absehen. Die betriebswirtschaftlichen Folgen für die Landwirte werden wesentlich davon abhängen, wie sich die Verbraucher zu gentechnisch veränderten Erzeugnissen verhalten. Deshalb ist die Politik in der Pflicht, insbesondere die Risiko-, Vorlauf- und Begleitforschung öffentlich zu fördern, das heißt, Mittel für die Aufklärung des komplexen Zusammenwirkens von Genen und Umwelt, des Gentransfers zwischen verschiedenen Organismen und der Wirkung auf ökologische Gleichgewichte einzusetzen. Im Zusammenhang mit der Genforschung kommt auch der Erhaltung vom Aussterben bedrohter Kulturpflanzen und -sorten sowie Haustierrassen hohe Bedeutung zu.

Die PDS versteht sich mit ihrem Konzept einer zukunftsorientierten ökonomischen, ökologischen und sozialen Agrarpolitik als Interessenvertreterin der in der Agrarwirtschaft Tätigen. Sie verteidigt deren legitimes Recht auf Existenzsicherung unter menschenwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen gegen Versuche, große Teile der von ihnen geschaffenen gesellschaftlichen Werte auf die Konten von Banken, Handelskonzernen und Alteigentümern zu transferieren.
Als linke sozialistische Partei will sie mit allen interessierten Verbänden, Initiativen und Parteien in einen konstruktiven Disput über zukünftige Entwicklungsrichtungen in der Agrarwirtschaft treten. Es ist unser Anliegen, parlamentarisch und außerparlamentarisch im Interesse der integrierten Entwicklung ländlicher Räume gerechte wirtschafts-, sozial- und umweltpolitische Instrumente zu gestalten.

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