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Der teure Roggen

Getreide spielt bei Agrarpolitik der EU wachsende Rolle

Von Rosi Blaschke

Es gibt landwirtschaftliche Regionen, auf deren Böden mit ihrem niedrigen Ackerwert nur sehr wenig wächst – darunter in Deutschland in der brandenburgischen Streusandbüchse, in einigen Gegenden Vorpommerns und Sachsens. Dort lautete in früheren Jahrzehnten die Formel für die Fruchtfolge: Roggen, Kartoffeln, Karnickel, Kiefern, Strick – letzterer, weil irgendwann für den Bauern nichts mehr ging. Das Brotgetreide Roggen aber war und ist auch heute auf sehr leichten Böden eine anbauwürdige Kultur. Und nebenbei: Roggenbrot ist gesund.
Aber immer mehr Menschen wollen statt des grauen lieber weißes Brot essen. In der Futtermittelwirtschaft spielt der Roggen auch noch keine große Rolle. Also sinkt für die Roggenanbauer der Absatz, das Korn muss »auf Halde« geschaufelt werden. Seit einiger Zeit spielt deshalb der Roggen in der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) eine wachsende Rolle.
Wie Agrarkommissar Franz Fischler in der Debatte um die GAP-Reform Anfang Juni betonte, sind die Interventionsmengen (die vom Staat aufgekauften Mengen, deren Erhaltung vom Steuerzahler finanziert werden muss) auf 5,3 Millionen Tonnen Roggen angewachsen, mehr als eine normale Jahresernte. Mit der EU-Erweiterung im nächsten Jahr wird das Problem noch verschärft, denn allein schon Polen ist ein potenzieller Roggenproduzent. Fischlers Forderung lautet deshalb eindeutig: das Problem für immer aus der Welt schaffen, indem die Roggenintervention abgeschafft wird. Das aber würde europaweit das Aus für Hunderttausende Bauernwirtschaften bedeuten. Und Fischler widerspricht seiner eigenen Forderung: »Wir wollen eine flächendeckende, nachhaltige Landbewirtschaftung ermöglichen und gepflegte Kulturlandschaften durch landwirtschaftliche Tätigkeit (...) sicherstellen.« Ohne Roggenanbau können leichte Böden versteppen.
Nun ist der europäische Roggenberg in der Tat zu teuer. Aber man kann nicht auf einen Schlag auf Kosten der Bauern alles verändern. Da sind sich sogar linke und rechte Abgeordnete einig. Die Europaabgeordnete Christel Fiebiger (PDS), lange Zeit Genossenschaftsvorsitzende in der Prignitz, weiß, wovon sie spricht. Sie hat deshalb im Ausschuss für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung für eine zeitlich befristete Intervention für die Standorte, an denen keine Alternative zum Roggenanbau besteht, plädiert. Und dies auch mit Blick auf Gerechtigkeit bei der EU-Erweiterung.
Die deutschen Konservativen stimmten dem zu. Der Abgeordnete Xaver Mayer (CDU/CSU) lobte die Beschlüsse des Änderungsantrages 28 zu den Kommissionsvorschlägen, der Möglichkeiten eines höheren Roggenverbrauchs auf verschiedenen Ebenen sowie die Einschränkung des Roggenanbaus auf Grenzstandorten vorsieht. »Frau Fiebiger hat darauf hingewiesen, auf sie geht das auch im Großen und Ganzen zurück«, betonte er aus- drücklich. Der Antrag war im Ausschuss mit Mehrheit angenommen worden. Agrarkommissar Fischler aber nannte die Einführung nationaler Richthöchstmengen »eine halbe Lösung«.
Roggen ist ein vergleichsweise kleines Problem auf dem Weg zu einer akzeptablen Agrarpolitik eines einigen Europas. Doch ganz neue Einsatzmöglichkeiten für dieses Korn in der Ernährung, der Tierfütterung und als alternativer Rohstoff können ländliche Regionen stärken, Arbeitsplätze schaffen, agrarische Ressourcen entdecken und besser ausnutzen helfen.
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