Südafrika

RIO + 10

Von Groß Warnow nach Johannesburg

Von MdEP Christel Fiebiger

Am 24.08. 2002, um 10.50 Uhr ab Ludwigslust begann meine Reise nach Johannesburg zum Umweltgipfel für nachhaltige Entwicklung.

Gemeinsam mit meiner Kollegin Feleknas Uca, ebenfalls MdEP, hatten wir einen guten 10-Stundenflug von Frankfurt nach Johannesburg. Nachdem wir die obligatorischen und auf aller Welt notwendigen Einreiseformalitäten hinter uns lassen konnten, sahen wir die neue Business Metropole von Johannesburg. Fein und sauber herausgeputzt waren die Straßen und Häuser. Besonders die Hochhäuser mit ihren Reklamen für den Konsum von allerlei neuster Technik aus der ganzen Welt, zeigte sich für uns Ersteinreisende eine Stadt, die sich aufgemacht hat, eine Weltmetropole zu werden.
Wenn die Sonne scheint, dann ist es warm in Südafrika. Auch im Spätwinter. Die Vegetation ist noch im tiefen Schlaf. Von einer zu erwarteten Klimakatastrophe war so nicht viel zu spüren.

Am 25.08.02 um 14.30 Uhr begann das Einchecken zu den Tagungen des Weltgipfel. Damit niemand verloren geht, werden für die Delegierten die Plaketten in verschiedenen Farben mit den dazu gehören Sicherheitscords hergestellt, und man ist gut beraten, diese auch sichtbar zu tragen. Zwischen 40.000 und 50.000 Besucher werden erwartet. Niemand weis das so genau, aber die durchaus freundlichen Bewacher der über 1.000 Veranstaltungen eskortieren uns an den Absperrungen vorbei. Es sollen 20.000 Polizisten im Einsatz sein. In der Stadt, vor der Stadt und in den Vororten. Die größte UNO-Konferenz wird gut überwacht und bewacht. Das Motto des Bürgermeisters lautete: Wer stört, wird die Härte des Gesetzes spüren; anderseits soll keine Mauer der Sicherheit aufgebaut werden. "Keine Gewalt" - daran kann ich mich erinnern.

Richtig los ging es für uns am nächsten Tag mit der Teilnahme an der Eröffnung des Nebengipfels. Wir hatten es tatsächlich geschafft, uns auf der ersten Reihe in dem Saal mit 5.000 Sitzplätzen zu platzieren. Nelson Mandela, den Gründer der ANC-Partei (African National Congress) sprechen zu hören, das war unser großes Ziel. Um so größer war unsere Enttäuschung als die Ansage kam, dass er nicht teilnehmen wird. Später haben wir erfahren, dass Mandela gar nicht eingeladen wurde. Ihn anzukündigen, war Reklame und somit eine besonders schlechte Politik.
Am ersten Tage haben wir noch an drei Foren teilgenommen, und zwar zur Gleichstellung der Frauen, Sicherung von sauberem Wasser und zu aktuellen Problemen der Landwirtschaft und des Umweltschutzes in der Welt. Auf letzterem Forum wurde die europäische und die amerikanische Agrarpolitik wegen ihrer Produktionssubventionen und der Exportstützung landwirtschaftlicher Erzeugnisse stark kritisiert.

Das Motto des Gipfel war gut gewählt: " Menschen, Planet, Wohlstand"
In den großen Verhandlungen mag es um diplomatische Gepflogenheiten gehen, die Gegensätze besonders mit den USA konnten jedoch nicht überspielt werden. Ob dieser Gipfel in den kommenden Jahren als ein Festival der Worte oder der großen Taten bezeichnet wird, ich weis es nicht.
Zehn Jahre nach dem Erdgipfel von Rio ist, so meine ich, die Erkenntnis gereift, dass es eine sichere und saubere Zukunft nur dann gibt, wenn die Umwelt- und Entwicklungsfragen gleichermaßen und miteinander gelöst werden können.
Auf den Foren, die wir gemeinsam besucht haben, wurde der Gedanke und das Vorhaben für Fortschritt einfach aber zutreffend formuliert. Die Jahre der Deregulierung und der Liberalisierung von Wirtschaft und Finanzmärkten haben der Menschheit soziale und ökologische Kälte gebracht, um diesen Weg umzukehren ist es notwendig, sich den Grundsätzen der Vorsorge, des Gemeinwohls, der Fairness und der sozialen Gerechtigkeit zu zuwenden.
Täglich sterben 40.000 Menschen an Hunger. 1,4 Mrd. haben kein sauberes Trinkwasser und 2 Mrd. Menschen leben ohne Strom.
Zusammenführen was einander verbindet und für die künftigen Generationen bewahren, das ist in der Welt der Chefs unmöglich. Aber in der Welt der Verbündeten gibt es Schutz und Sicherheit. Es geht nicht ums Untergehen, es geht um den Schulterschluss der Vernunft.
Die Politik muss fähig sein, die Wege für den notwendigen Kurswechsel zu ebenen. Und auch die Sponsoren des Gipfels wie Coca Cola, wie World Wild life fund oder City of Johannesburg müssen zu einer Produktion finden, wo der Mangel an Kooperationsfähigkeit überwunden wird.

Das war auch das Thema des Camps, den wir am 27.08 in dem Vorort Scharaton bei der Pressekonferenz der Landlosen erleben konnten.
Land! Food! Jobs! Diese Organisation hat 5.000 Mitglieder in allen Teilen der Welt, in dem die Enteignung der Bauern unter feudalistischen Verhältnissen begonnen hat, und bis heute nicht überwunden ist. Diese Bewegung ist nicht mehr bereit nur die jahrelangen Forderungen zu wiederholen, sie erwartet, dass in allen postkolonialen Entwicklungsländern die versprochene Landreform angepackt wird. Mit der Landreform müssen die Wiedergutmachung für die Jahre der Misshandlungen der Apartheid, Maßnahmen für ein erschwingliches Wohnen, für den Schuldenerlass und die Beendigung der Privatisierung von Wasser und Elektrizität erfolgen. Millionen Menschen haben einen Anspruch auf eine bessere Zukunft; eine Vertagung der Probleme ist keine Lösung. Das zeigt allerdings wie zweifelhaft und hilflos ein Erdgipfel werden kann, wenn die Handschrift der Macht die Feder führt.
Eine Welt, in der 20% der Menschheit 80% der natürlichen Ressourcen verprassen, ist zu verurteilen. Die Industriestaaten tragen die Hauptverantwortung. Dazu gehört auch Europa. Johannesburg hat die Frage nicht beantwortet: Wer nimmt zu viel?
Am Abend dieses Tages gab es dann die Verabschiedung einer gemeinsamen Resolution von Mitgliedern des Europäischen Parlaments der GUE/NGL, der Grünen und der Sozialdemokraten mit der Überschrift "Rettet den Erdgipfel" (1)

Anschließend fand noch ein Abendessen mit einer Delegation aus Palästina statt. Der Nahe Osten und seine sorgenvolle Entwicklung war Thema des Gespräches mit Herrn Aziz Pahad , dem Vize-Außenminister von Südafrika. Er sagte unter anderem: "Wir sind glücklich, dass wir die Entwicklung angenommen haben, allerdings unglücklich darüber, dass ein großer Teil unserer Bevölkerung noch arm ist. Der Unterschied zwischen den Habenden und den Nichthabenden ist rigoros"

Wir waren auch in Soweto, der größten Vorstadt von Johannesburg, die im Kampf gegen die Apartheid eine historische, und vor allem eine symbolhafte Bedeutung hat. Im Jahre 1972 schloss sich die schwarze Studentenbewegung in Untergrundzellen zur Befreiungsbewegung zusammen, und ihr Geist ist unter den 2 Millionen heute noch überall spürbar. Die tanzenden Kinder vor den Touristen und die freundlichen Touristenführer der Stadt sind die Beweise für die große Armut in der Gegenwart und sind Ausdruck für den festen Willen, das Vermächtnis der im Kampf gegen den Rassismus gefallenen Brüder und Schwestern zu bewahren. In Soweto hatten wir den Eindruck, dass bei einer Fortführung der jetzigen Regierungspolitik in den slumartigen Siedlungen, der Wille zu neuen Kämpfen fest vorhanden ist.

Die Heimreise sollte ein ganz besonderes Erlebnis werden! Um 19.15 Uhr war das planmäßige Einschecken vorgesehen. Das frühzeitig eine Zeitverzögerung bis 23.15 Uhr angekündigt wurde - das ist in der internationalen Luftfahrt für die Reisenden eine Frage der Gewöhnung. Um 02.00 Uhr am 29.09. war dann endlich der Start einer Maschine der Fluggesellschaft SOUTH AFRCAN AIRWAYS mit der Flugnummer SA260.
Nach 10 Minuten, noch während des Steigfluges, gab es einen fürchterlichen rätselhaften Knall.
Die Ahnung, dass war nichts gutes, bestärkte sich als die Flugbegleiter hektisch zur Flugkabine liefen.
Die Situation wurde nicht besser, als wir bemerkten, dass die 350 Tonnen schwere Flugmaschine nicht mehr steigt. Die Muskeln des Flugzeuges, das heißt seine Tragflächen, die ich gut sehen konnte, jagten mir Angst ein. Und das nicht so wenig. Möglicherweise war es das Können des Piloten, möglicherweise war es die Intellegens der Technik, dass der Schaden nicht schlimmer wurde. Ich weis es nicht. Zu hören war körperlicher Stress und auch viel Angst, denn es hatte sich herum gesprochen, dass ein Triebwerk brannte.
Nach einer nicht zu Ende gehenden Warteschleife, um Kerosin ab zu lassen, landete die Maschine mit 300 Fluggästen wieder auf dem Startflughafen. Die Feuerwehren und die Krankerwagen nahmen uns in Empfang.
Eine Erfahrung, auf die ich gern verzichtet hätte.

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(1) Die Resolution ist auf meiner Hompages unter "Positionen"zu finden.

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