Türkei

Bericht über eine persönliche Reise in die Türkei

Von MdEP Christel Fiebiger

Kurdisches NEWROZ-Fest

Wenn einer eine Reise macht, dann will er was erzählen. Eine gute Freundin, Feleknas Uca, hat mich eingeladen und ich habe Wochen vorher zugesagt ohne zu wissen wohin es eigentlich richtig gehen sollte, denn das Land ist groß, seine Kultur sehr alt, und in dem Teil Europas, in dem ich lebe, wird nicht all zu viel darüber nachgedacht, was in der Türkei geschieht oder nicht geschieht.

So ging es dann auch am 18. März 2002 um 11.45 Uhr von Hamburg aus mit dem Flugzeug nach Istanbul immer in Richtung Osten über Prag, Wien Budapest und Belgrad. Das war ein toller Flug; 10.300 m hoch und eine Geschwindigkeit von 800 km/h. Ganz schön geschwind brachte uns die Reisemaschine Flugzeug nach Istanbul, dem ersten Zwischenziel. Dort begrüßten wir eine weitere Kollegin. Sie kam aus Brüssel und schloss sich uns wie geplant an.
In Istanbul wurde erst einmal Geld getauscht - selbstverständlich Euro. Und es gab eine erste Überraschung; ich war plötzlich mehrfache Millionärin. Für 100 EURO bekam ich 216.000.000 Türkisch - Lira. Die Auswirkungen dieser Währung sollte ich noch genau zu sehen bekommen.

Nach einem Aufenthalt von 3 Stunden ging der Flug weiter nach Diyabakir im Osten der Türkei. Beim Durchlaufen der üblichen Einreiseformalitäten wurde unsere kleine Gruppe stark befragt, nach dem Grund der Einreise und nach dem Beruf. Meine Antworten waren dem Beamten zu unüblich, denn ich stellte mich als Touristin vor und gab den Beruf einer Farmerin an. Das stimmte alles, aber es kam auf der anderen Seite des schrägen und wohl auch sehr geplagten Tisches nicht so gut an, denn mein ansonsten recht freundlicher Beamte wurde plötzlich sehr laut und machte mir klar, ich sollte mich nach draußen scheren. Was ich auch sofort auszuführen bereit war, obwohl ich mir keinerlei Schuld bewusst war. Seine und meine Vorstellungen über den Beruf eines Farmers waren wohl zu unterschiedlich. Ich wollte nicht bewacht werden, und er musste und wollte mich bewachen. Meine Identität reichte jedenfalls aus um einzureisen in ein Land, das ich nicht kannte, aber über das ich mehr erfahren wollte, über seine Menschen, über die Freiheiten, über die Rechte und über die Unrechte.
Unsere Welt hat keine Grenzen mehr. Das stimmt nur im übertragenem Sinne, wenn man an die Informationsschnelligkeit oder an die Möglichkeiten denkt, in kurzer Zeit an jedem Ort der Welt zu sein. In Wirklichkeit ist der Glaube an eine bessere Zukunft ein mächtiger Feind. Und dieser Feind wird bewacht und überwacht. Ich sollte noch erfahren, was sich hinter dieser Erfahrung verbirgt.

In dem Hotel "Büyük Kervansaray" sind wir zu üblicher Zeit gegen 22.00. Uhr angekommen und haben nach dem problehmlosen Einchecken schnell noch ein türkisches Bier probiert. Das muss sein, denn für mich sind einige liebe Gewohnheiten gerade in einem andern Land zu einer Art persönlicher Kontaktaufnahme geworden. Doch wie überall in den Städten, ist in den Hotels nur die Luft, die Atemluft ist draußen, und diese ist in der Stadt Diyabakir besonders heiß.

Am nächsten Tag ging es nach Batman. Diese Stadt liegt noch weiter im Osten des Landes und lebt so recht und schlecht von den Ölfeldern. Das Erdöl spielt in der kurdischen Geschichte eine große Rolle. Schon im 1. Weltkrieg stürzten sich die Siegermächte auf die Erdölgebiete in der kurdischen Provinz und wie es Eroberer so an sich haben, wurde zu lasten der Zivilbevölkerung gemordet und vertrieben.
Die Fahrt mit dem Auto dauerte nicht länger als ein kleine Stunde und solche Fahrten geben die Möglichkeit, etwas von der Landschaft zu sehen. Ohne Frage, ist das Land sehr schön, aber die Natur ist dafür im Ausgleich sehr launisch. Ein Wechselbad an tiefen Ebenen und steinigen, verkrusteten Urgestein lässt wenig Spielraum für Ackerbau und Viehzucht. Aber dort, wo es ausnahmsweise geht, können Tabak, Gemüse, Zuckerrüben mit hohen Erträgen angebaut werden.
Die Menschen sind arm und haben keine Chance, mehr zu verdienen als an einem Tag zum essen notwendig ist. Ich habe dort den Spruch gehört, "die Reichen arbeiten nicht, die Armen arbeiten nicht". Die eine kleine Schicht hat genug, die andere Gruppe, die große Mehrheit, beschäftigt sich mit dem Nichts.

Der erste Besuch in Batman führte in das Büro des Vorsitzenden der HADEP-Partei. Viel zu reden gab es nicht. Dafür wurde viel geraucht und Tee getrunken. Die Besucher wechselten ständig in dem zu kleinen Raum. Ich schätzte, dass in den 20 Minuten ca. 50 Menschen uns die Hände geschüttelt haben, immer mit dem Ritual verbunden, sich zu zeigen und dadurch zu erklären, sie gehören dazu. Einer wurde mir als Bauer aus den Bergen vorgestellt. Aus seiner Geschichte habe ich entnommen, dass er vertrieben und sein Besitz gestohlen wurde. Jetzt ist er ohne Arbeit, und ich glaube, dieser Mann ist nicht zu alt, um nicht alles daran zu setzten, sein Eigentum wieder zu holen.

Der zweite Besuch galt dem Bürgermeister der Stadt Batman, auch Mitglied der HARDAP- Partei. Er erklärte mir, dass ein Bürgermeister in der Türkei andere Aufgaben hat als in Deutschland. Keine wirtschaftlichen und keine politischen, nur organisatorische wie zum Beispiel die Genehmigung zu beschaffen für die anschließende Eröffnung eines Traditionsfestes. Es war kein Fest im Maßstab des Westens, sondern im Maßstab der Tradition eines stolzen Volkes, das sich bewusst darüber ist wie wichtig die Vergangenheit ist, wenn man noch keine Gegenwart hat ganz zu schweigen von einer Zukunft.

Zum ersten Mal hatte ich engen und zwar ganz engen Kotakt zu diesem Volk, den Kurden. Die Menschen standen dicht an dicht. Durch einen schmalen Pfad aus Hunderten von Köpfen und Händen, begleitet von Rufen und Lauten, deren Bedeutung ich nicht verstand, führte die Gasse nach oben zur Eröffnung und zur Vorführung der alten Trachten. Auf engstem Raum und unter dem ständigen Beifall vom 2.000 Menschen war das was gezeigt wurde mehr als Tradition. Es war wie der unbedingte Wille, die eigene Kultur wie einen lebenden Zweig aus der Vergangenheit zu zeigen, um damit zu sagen: Hier sind wir und bleiben!
Es hat mit Politik nichts zu tun, wenn Kultur und Tradition in den Menschen wohnen, es hat etwas damit zu tun, die Bedürfnisse der Menschen und das Bewahrenswerte aus den Wurzeln der Vergangenheit ganz einfach nicht als etwas verbotenes zu betrachten, sondern als einen Teil gelebter Leben nach anderen Maßstäben und anderen Verständnis von kulturellem Erbe.
Wenn mir diese Kultur auch fremd und neu erschien, so hatte ich ein Gefühl von großer Verantwortung, die ganz einfach darin besteht, diese Menschen fühlen zu lassen, dass ich verstehen kann was es bedeutet, sich zu messen an ihrer Kultur.

Nicht meinetwegen sind all diese Menschen gekommen. Ich hatte nur die Erfahrung. F. U. hatte die Verantwortung. Denn sie ist eine von ihnen. Eine Kurdin - das verbindet, das macht stolz, das ist menschlich. Jeder, der etwas erreichen will, sucht Verbündete zuerst in den eigenen Reihen. Ich gebe zu, dass ich sie um diese Aufgabe nicht beneide.

Eingeladen werden zum Essen ist ein Brauchtum. Und auch in diesem Land verstehen die Wirte es gut, mit den Früchten des Landes umzugehen. Der Honig, das Fladenbrot, das Gemüse, der Kaffee und die Gewürze, die jeden Geschmack bedienen können, das ist ein Erlebnis besonderer Art. Aber wohin mit den Resten? Ich habe diesmal darauf besonders geachtet. Für die Gäste das Beste für die Armen die Reste. So hat sich der reich gedeckte Tisch schnell geleert. Die Antwort war eindeutig.

Am 20. März ist nicht allzu viel passiert. Es ist ja auch das besonders Gute an einer Privatreise, dass man die Regel selbst bestimmen kann. Es regnete den Morgen und den ganzen Tag durch. Deshalb waren die Straßen besonders schmutzig und irgendwie - trotz des schlechten Wetters - war in den Straßen ein geschäftiges Treiben. Alles Leben spielt sich auf den Straßen ab. Alte Frauen sitzen jeden Tag an der gleichen Ecke und beschäftigen sich mit reden und Stickereien. Kinder fahren mit leeren Schubkarren, deren Sinn darein besteht, Einkäufe nach Hause zu fahren. Die Basare sind mit Handelswaren aus der Türkei gefüllt, noch nicht so amerikanisiert wie in anderen Ländern. Trotzdem fällt es schwer, Waren zu finden, die Kultur und Tradition des Landes zeigen. Im Osten der Türkei gibt es keinen Tourismus. Der ist im Westen des Landes zu Hause. Dort wird das Ansehen des Landes mehr gepflegt.

Am 21. März war der eigentliche Höhepunkt der Reise, der Besuch des NEWROZ- Festes. Hier sollte ich erfahren, wie die Rollen verteilt sind zwischen Bewachern und Überwachten. Meine Beobachtungen zufolgendem sind motiviert von dem Gefühl, dass ohne Selbstbestimmung und Freiheit, ohne Menschenrechte und Solidarität es um die Zukunft für die Beseitigung von sozialer Fäulnis schlecht bestellt ist. Erst jedoch ging die Fahrt mit dem Auto in die Zentrale der HADEP-Partei.
Die Stadt Diyarbakir ist das Zentrum dieser Partei mit 50% Wählerschaft. Die Partei ist eine politische Kraft, und ein wichtiges Zeichen für die Kurden, sich nicht einschüchtern zu lassen in dem Ziel, die rassistische Haltung der Zentralregierung gegen die Autonomie der Kurden zu überwinden. Das Büro des HADEP- Vorsitzenden ist klein und ungemütlich. Ich glaube nicht, dass er sich hier auf lange Zeit eingerichtet hat. Wer sitzt schon gern unter seinem eigenen Bild, der BC ist noch nicht ausgepackt, die Fenster sind vergittert und die Atmosphäre ist mehr als angespannt. Das Fest war genehmigungspflichtig und wird als Feiertag nicht anerkannt. Das Problem liegt eigentlich nicht darin, etwas Verbotenes zu legalisieren, sondern darin, den schmalen Grad zwischen den unterschiedlichen Interessen der Veranstalter nicht zu verlassen.
Überall spürte ich diese Anspannung, ein seltsames Gemisch von Leidenschaft, Freude und Angst vor Gewalt umgab das Zimmer und übertrug sich auch nach draußen auf die Straße, auf die Anhänger, die Getreuen. Sie stehen und warten auf eine Veranstaltung, deren Inhalt mir zu dieser Stunde noch völlig unbekannt war.

Als die große Mehrheit der Wartenden in Kleinbussen abtransportiert waren, setzte sich auch die Führung in Bewegung, in einem großen Bus mit offener Tribüne, von der das Volk gut begrüßt werden konnte, der aber zugleich einen hervorragenden Schutz darstellte.
Ich und zwei weitere Kolleginnen fuhren in einem Auto hinterher. Dabei fiel mir auf, dass in der Stadt weniger, um nicht zu sagen gar keine Menschen sich begrüßen ließen. Die Geschäfte waren offen und in den Fenstern machte sich die allen Menschen so beliebte Neugier breit.
Kaum aber aus der Stadt heraus gekommen, begann das große Laufen. Von allen Seiten kamen Menschen. In allem was, sich technisch bewegen lässt und so voll beladen, dass es nur noch Vergleiche in der Tierwelt gibt, reisten die Menschen an. Der größte Teil war zu Fuß unterwegs. Dadurch war die Hauptstraße innerhalb weniger Meter dicht und es lohnte sich nicht mehr im Auto zu bleiben. Wie die Mehrheit gingen wir zu Fuß.
Niemand wurde gezwungen, die Strapazen auf sich zu nehmen, jeder konnte wählen. Ich bin jedoch der Überzeugung, dass es genau so sein sollte, so gewaltig im Schutze der Massen, kann man seine Ideen ausleben.

Unterwegs waren Familien, ganze Dörfer aus dem Kurdengebiet, Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm oder an der Hand. Ab und an habe ich meine Schokolade an die unbekannten kleinen Gesichter mit den großen Augen abgegeben. Einige wirkten nicht so glücklich, denn in dem Schlepptau der Mutter war es schwer zu gehen.
Je näher wir dem Ziel kamen, desto schwieriger war es durch zu kommen. Jetzt taten die Bewacher ihren Teil mit dazu bei, die ohnehin schon schwere Lage zu beherrschen. Sie sperrten die Straße und sortierten die Menschen durch, nach welchem System es dabei ging, bleibt ihr Geheimnis. Das führte zu noch mehr Belastungen für das laufende Volk und es war schon erstaunlich, dass die Aussortierten das Feld räumten.
Hand in Hand wie Zwangsvertraute drängten wir uns durch das Menschengitter. Unsere Parole hieß vorwärst kommen und sich nicht verlieren. Wir hatten für alle Fälle Begleiter. Das war eine gute Sicherheit für alles das, was an Rande der Straße geschah. Die in Stellung gegangene gut ausgerüstete Armee und die Polizei und die Hunderte von Ordnungskräften wirkten wie eine Zange, aus der es nur einen Ausweg gab, durch die totale Kontrolle. Und so endete der Weg zum Newroz-Fest auch.
Unsere Begleiter blieben draußen, da hinter einer kleinen letzten Absperrung, die jeder nur einzeln betreten konnte, die Passkontrolle einsetzte. Das heißt, der Pass wird abgenommen und angeblich kontrolliert. Ich denke das war nicht möglich; es ging nur darum den Namen zu erfassen. Es war mir auch ziemlich egal, wichtig war es, wie für alle friedlichen Menschen, die in diesem Absperrkessel waren, in die Freiheit zurück entlassen zu werden, denn es gab auch einige, die gar nicht damit einverstanden waren und das durch Kräftemessen zeigten. Diese Gäste zogen den Kürzeren und wurden abgeführt.

Nach ungefähr 20 Minuten war der Weg frei für den Weg zum Fest. Eine gewaltige Menschenmasse zeigte sich, und zu meiner großen Überraschung musste ich feststellen, dass die 300.000 Menschen alle gleich aussahen. Das Ziel der Veranstaltung war ihnen von den Gesichtern abzulesen. Freiheit und Gleichberechtigung für die Kurden in der Türkei. Für Menschen, die sich zu einem Volk bekennen, ist die Frage der Identität, der Kultur und der Loyalität zum Staat, in dem sie leben, schwierig. Die Rechte der Minderheiten zu schützen, das ist menschlich und im 21. Jahrhundert sollte niemand mehr wegen seiner Sprache, Rasse, Geschlecht, Weltanschauung und Religion unterschiedlich behandelt werden.

Start